Gurtförderer aktuell: Interview mit Uwe Hosse
- Redaktion
Ohne sie läuft faktisch nichts. Würden sämtliche Gurtförderanlagen zeitgleich stillstehen, bliebe die Versorgung mit unverzichtbaren Rohstoffen aus, sodass man den „Laden“, salopp formuliert, zusperren könnte – und zwar weltweit. Obschon die Schlüsselrolle von Gurtförderern für Wohlstand und Überleben einer breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt ist, haben die „unermüdlichen Helfer“ dennoch alljährlich ihren ganz großen Auftritt. Die Rede ist von der HDT-Fachtagung „Gurtförderer und ihre Elemente“, die 2026 zum inzwischen 22. Mal vom 19. bis 20. Mai im Essener Stammhaus des HDT stattfindet.
Betrieb, Wartung, Fortentwicklung, Sicherheit, Normen und Regulierung – das sind nur einige der Themenfelder, die es regelmäßig zu diskutieren gilt. Und trotz des Augenmerks auf die im Betrieb von Gurtförderern entstehenden Stäube droht die Tagung nie zur staubtrockenen Angelegenheit zu werden. Dafür sorgt neben der Lebendigkeit der Vorträge ein attraktives Rahmenprogramm. In diesem Jahr wurde es erstmals von Uwe Hosse mitentwickelt. Wir nutzten die Gelegenheit, uns mit dem neuen Tagungsleiter zu unterhalten.
HDT-Journal: Herr Hosse, als ausgesprochen erfahrener Fachmann übernehmen Sie – zur Freude des HDT – ab diesem Jahr die Leitung der seit Jahrzehnten erfolgreichen Tagung „Gurtförderer und ihre Elemente“. Welche aktuellen Entwicklungen sehen Sie innerhalb der Branche? Gibt es wesentliche Innovationen – insbesondere mit Blick auf die traditionellen Tagungsschwerpunkte (Energie-)Effizienz, Sicherheit und Lebensdauer?
Uwe Hosse: Zunächst freue ich mich sehr über das Vertrauen des HDT. Seit nun etwa 20 Jahren bin ich, bedingt durch meine Geschäftsführertätigkeit bei der NEBOLEX Umwelttechnik GmbH, mit Fördertechnik vertraut. Durch die Anbauten, die wir in sehr vielen Bereichen der Gurtfördertechnik durchgeführt haben, durfte ich viele verschieden Hersteller und System kennenlernen.
Von Gurtförderern in Müllverbrennungsanlagen bis hin zu Anlagen die unter Tage installiert waren, war ich überall dort tätig, wo Staub reduziert werden sollte. Nach der Übergabe in jüngere Hände und meinem Ausscheiden bei NEBOLEX Umwelttechnik GmbH berate ich heute Industrieunternehmen bei unerwünschten Staubemissionen.
In der Gurtfördertechnik sehen wir derzeit viele spannende Entwicklungen. Energieeffizienz bleibt ein zentrales Thema – gerade angesichts hoher Energiekosten. Optimierte Antriebe und reibungsarme Gurte, aber auch das abgestimmte Zusammenspiel aller Komponenten sorgen dafür, dass Anlagen effizienter und zuverlässiger laufen.
Auch Sicherheit und Lebensdauer rücken stärker in den Fokus. Digitale Lösungen wie Condition-Monitoring-Systeme ermöglichen die frühzeitige Erkennung von Wartungsbedarf und erhöhen so Betriebssicherheit und Anlagenverfügbarkeit. Verbesserte Materialien und Konstruktionslösungen helfen zudem, Verschleiß zu reduzieren.
Nicht zuletzt rücken Umwelt- und Arbeitsschutz stärker in den Fokus – insbesondere Staub- und Lärmemissionen. Unsere Tagung greift genau diese Themen auf und bietet einen praxisnahen Überblick über aktuelle Entwicklungen in der Fördertechnik.
HDT-Journal: „Aus der Praxis und für die Praxis“ ist bekanntermaßen ein Motto, das den grundsätzlichen Ansatz des HDT beschreibt. Welche konkreten Praxisbeispiele oder Erfahrungsberichte dürfen Teilnehmende in diesem Jahr erwarten?
Uwe Hosse: Die Teilnehmenden dürfen sich auf zahlreiche Erfahrungsberichte aus erster Hand freuen. Zum Beispiel wird in einem Fachvortrag ein spezielles Förderbandsystem, der Taschenfördergurt, und dessen Anwendungen vorgestellt – inklusive der Präsentation realer Referenzanlagen unter Tage in Bernburg (Sachsen-Anhalt) und im urbanen Bereich in Japan.
Ein weiterer Beitrag widmet sich der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Gurtförderindustrie und der Bedeutung der Normungsarbeit. Auch das ist ein praxisrelevanter Blickwinkel, denn er zeigt, wie wichtig Standards und globale Entwicklungen für Betreiber und Hersteller sind.
Natürlich kommen auch handfeste Erfahrungsberichte aus dem Betriebsalltag nicht zu kurz. Spannend sind Beiträge zum Thema Monitoring: Ein Referent berichtet über neue Ansätze zur Überwachung der Wärmeentwicklung an Tragrollen beim Biomassetransport. Dieses Beispiel stammt direkt aus der Praxis – Hintergrund sind Fälle von überhitzten Rollen in Förderern, die zu Bränden führen können.
Zusätzlich wird ein Verfahren vorgestellt, mit dem man unerwartete Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Gurt und Tragrollenauflage analysiert – sprich, man hat aus einem praktischen Problem (etwa Schlupf oder Blockieren von Rollen) gelernt und ein Diagnosetool entwickelt.
HDT-Journal: Nur wenn es läuft, verdienen Gurtförderanlagen – logischerweise – Geld. Welche weiteren Trends sehen Sie bei Instandhaltung oder der Verringerung von Verschleiß an kritischen Stellen?
Uwe Hosse: Ein großer Fokus liegt darauf, Verschleiß und Ausfälle an kritischen Stellen zu minimieren. Besonders Übergabestellen – wo das Fördergut von einem Band zum nächsten fällt – sind neuralgische Punkte. Entsprechend setzt sich der Trend fort, Übergabepunkte mit verschleißfesten Auskleidungen (zum Beispiel Gummiauskleidungen oder keramische Prallplatten) zu versehen und die Fallschächte mittels moderner Gestaltung so zu optimieren, dass das Material den Gurt möglichst schonend trifft.
Wer ist Uwe Hosse?

- Dust red Consultant, Hirschfeld,
- Maschinenbautechniker, seit 1994 selbständig.
- Gründer, ehemals Inhaber und bis Mai 2025 Geschäftsführer der NEBOLEX Umwelttechnik GmbH in Kirchberg/Hunsrück. Die NEBOLEX Umwelttechnik (https://www.nebolex.de) liefert weltweit Systeme zur Staubbindung mittels Wassernebel.
- In den letzten Jahren stufenweiser Ausstieg aus dem aktiven Geschäftsbetrieb und Gründung einer Personengesellschaft für Industrieberatung bei unerwünschten Staubemissionen.
HDT-Journal: Bleiben wir noch kurz beim Thema: Wie können bestehende Förderanlagen wirtschaftlich modernisiert oder nachgerüstet werden, ohne den laufenden Betrieb stark zu beeinträchtigen?
Uwe Hosse: Bestehende Anlagen zu modernisieren, ohne lange Stillstandszeiten, ist in der Tat eine Kernfrage für viele Betreiber. Meine Erfahrung ist: Gute Planung und schrittweises Vorgehen sind hier der Schlüssel. In vielen Fällen lassen sich Upgrades durchführen. Solche Nachrüstungen kann man oft in einem kurzen Stillstand (zum Beispiel am Wochenende) umsetzen.
Ein weiterer Ansatz ist die Nachrüstung von Sensorik und Überwachungssystemen bei laufendem Betrieb. Viele Monitoring-Systeme – ob für die Gurtüberwachung oder Tragrollenüberwachung – lassen sich als Add-on an bestehende Anlagen anbauen, meist ohne große Unterbrechung. So bekommt man quasi neue Fähigkeiten für eine alte Anlage, ohne alles umbauen zu müssen.
HDT-Journal: Welche Erfahrungen gibt es denn aus der Praxis mit Monitoring-Systemen an Gurtförderern? Wie zuverlässig sind diese im industriellen Dauerbetrieb?
Uwe Hosse: Durch Sensoren, die beispielsweise Vibrationen und Temperaturen an Rollenlagern messen oder den Zustand des Fördergurtes scannen, erhalten Wartungsteams in Echtzeit Rückmeldungen über den Zustand der Anlage. Viele ungeplante Ausfälle lassen sich dadurch vermeiden, weil man frühzeitig Verschleiß oder Anomalien erkennt. Bei einem Dauerbetrieb 24/7 ist das ein enormer Gewinn, denn jeder nicht erkannte Defekt kann ja im schlimmsten Fall einen Bandstillstand oder sogar einen Unfall verursachen.
In den letzten Jahren hat sich die Technik hier deutlich verbessert. Gute Monitoring-Systeme arbeiten mit intelligenten Algorithmen, um Fehlalarme zu minimieren und die Mitarbeiter werden geschult, die Daten richtig zu interpretieren.
HDT-Journal: Werden neue oder sich ändernde sicherheitstechnische Anforderungen und Normen im Rahmen der Tagung ebenfalls wieder zu diskutieren sein? Was sollten Betreiber von Gurtförderanlagen hier auf dem Schirm haben?
Uwe Hosse: Die Regulatorik und Normung sind ein fester Bestandteil unserer Fachtagung – einfach weil sich ständig etwas tut und Betreiber auf dem Laufenden bleiben müssen. Dieses Jahr haben wir unter anderem einen Beitrag, der die neue EU-Maschinenverordnung (MVO) in den Fokus rückt. Diese Verordnung wurde 2023 verabschiedet und löst die alte Maschinenrichtlinie ab. Ab Januar 2027 muss die neue MVO für alle neuen Maschinen angewendet werden, ohne Übergangsfrist. Jeder Hersteller und Betreiber, der noch nach der alten Richtlinie plant, sollte spätestens jetzt umdenken.
Für Gurtförderer bedeutet das: Das Thema digitale Sicherheit wird adressiert – sprich, Maschinen müssen gegen Manipulation von außen geschützt sein (Stichwort: Cybersecurity), insbesondere wenn Ferndiagnose oder Vernetzung im Spiel ist.
Daneben werden auf der Tagung die klassischen sicherheitstechnischen Anforderungen und aktuelle Normen diskutiert. Ein Experte wird etwa auf die neuesten Entwicklungen in der Normungsarbeit eingehen – und was diese für Betreiber bedeuten. Neue Normen oder Überarbeitungen – wie eine mögliche Aktualisierung der DIN-Normen für Gurtförderer – können Anforderungen erhöhen, etwa an die Stabilität von Tragkonstruktionen oder an Sicherheitssysteme.
Die Tagung liefert hier Updates und praxisnahe Hinweise, was zu tun ist.
HDT-Journal: Was bietet das Rahmenprogramm aus Produktausstellung und Exkursion? Worauf dürfen sich Teilnehmende in diesem Jahr freuen?
Uwe Hosse: Neben den Vorträgen legen wir traditionell großen Wert auf ein attraktives Rahmenprogramm. Dazu gehört zunächst die begleitende Fachausstellung. Viele führende Komponentenhersteller und Dienstleister der Fördertechnik werden vor Ort sein und ihre neuesten Produkte und Lösungen zeigen. Das Tolle daran ist: Man kann mit den Experten der Aussteller ins Gespräch kommen. Dieser direkte Austausch zwischen Anwendern und Anbietern ist unglaublich wertvoll – oft nimmt man hier ebenso viele Anregungen mit wie aus den Vorträgen.
In der Vergangenheit, konnten nicht immer alle an der Exkursion teilnehmen. Der Tag für die Exkursion wurde daher mit Rücksicht auf die weit angereisten Tagungsteilnehmer auf den ersten Tagungstag vorverlegt.
Ein besonderes Highlight in diesem Jahr wird unsere Exkursion zum Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen sein. Das Museum öffnet exklusiv für unsere Teilnehmer am späten Nachmittag seine Tore – eine tolle Gelegenheit, Technikgeschichte hautnah zu erleben. Die Besucher können historische Dampfloks aus nächster Nähe bestaunen, in Führerstände steigen oder einen Blick in alte Reisezugwagen werfen. Das ist nicht nur eindrucksvoll, sondern schafft auch eine ganz eigene Atmosphäre.
Und natürlich kommt auch das leibliche Wohl nicht zu kurz: Wir lassen den Abend bei einem ausgiebigen Grillbuffet ausklingen – perfekt, um in entspannter Umgebung ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu knüpfen. Die An- und Abreise zum Museum ist übrigens organisiert, sodass alle den Abend ganz entspannt genießen können.
HDT-Journal: Herr Hosse, haben Sie vielen Dank für die spannenden Einblicke. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit der Gurtförderer-Tagung.
Die Fragen stellte Michael Graef, Chefredakteur HDT-Journal
Bildhinweis:
Unser Titelbild entstand unter Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz.